
Das Wichtigste auf einen Blick
- Die Belegschaft in der Fertigungsindustrie arbeitet zunehmend verteilt – eine besondere Herausforderung für traditionell zentral ausgerichtete Compliance-Programme.
- Moderne Compliance-Prozesse und -Systeme können dazu beitragen, das Compliance-Programm auch dort zu verankern, wo die Mitarbeiter tatsächlich arbeiten.
- Unternehmen – ob in der Fertigungsindustrie oder anderen Branchen – können Risiken reduzieren und erheblichen geschäftlichen Mehrwert schaffen, indem sie eine Kultur fördern, in der Mitarbeiter Bedenken intern ansprechen können und ihnen dafür die richtigen Möglichkeiten zur Verfügung stellen.
Die Belegschaft in der Fertigungsindustrie hat sich verändert
Mit Blick auf die unternehmensweite Compliance lässt sich in der Fertigungsindustrie kaum noch von einer einzigen „Belegschaft“ sprechen. Die Branche ist heute hoch spezialisiert und besteht zunehmend aus weit verzweigten Netzwerken von Standorten, die mit ihrer jeweiligen Expertise zur Herstellung eines Endprodukts beitragen. Diese Standorte verteilen sich häufig über verschiedene Rechtsräume und Ländergrenzen hinweg. Auch kleinere Unternehmen sind Teil dieser Entwicklung und beziehen Bauteile und Rohstoffe zunehmend über komplexe Lieferketten mit zahlreichen Drittparteien.
In diesen weit verzweigten Strukturen fühlen sich Mitarbeiter häufig stark mit ihren lokalen Führungskräften und ihrem Standort verbunden, jedoch weniger mit dem Unternehmen als Ganzem. Die räumliche Entfernung zur Zentrale, unterschiedliche Zeitzonen und Sprachen sowie verschiedene kulturelle Normen und Erwartungen können dazu führen, dass lokale Strukturen, Einzellösungen und Arbeitsweisen entstehen, die vom restlichen Unternehmen losgelöst wirken.
Warum traditionelle Compliance-Programme in der Fertigungsindustrie nur schwer skalierbar sind
Die heutige Arbeitswelt in der Fertigungsindustrie stellt Unternehmen vor besondere Herausforderungen, wenn sie ein wirksames Compliance-Programm skalieren möchten. Während ein stärker zentralisierter Ansatz in anderen Branchen funktionieren kann, müssen Schulungen, Kommunikation und Systeme in der Fertigungsindustrie auch eine Belegschaft erreichen, die häufig über verschiedene Standorte verteilt ist, unterschiedliche Anforderungen hat und in voneinander getrennten Strukturen arbeitet.
Mitarbeiter an weit entfernten Produktionsstandorten erreichen beispielsweise nicht immer dieselben Botschaften der Unternehmensführung wie Mitarbeiter in der Zentrale. Die Führungsebene kann das Compliance-Programm aktiv unterstützen – wird diese Haltung jedoch nicht von direkten Führungskräften an den verschiedenen Standorten mitgetragen, fühlen sich Mitarbeiter möglicherweise weniger sicher dabei, Bedenken anzusprechen.
Risiko- und Compliance-Verantwortliche in der Fertigungsindustrie scheinen sich dieser Herausforderung bewusst zu sein: Während 70% angaben, dass die oberste Führungsebene Compliance und ethisches Verhalten im Unternehmen fördert, sank dieser Anteil bei direkten Führungskräften auf 57%. Das zeigen Umfragedaten aus dem NAVEX State of Risk & Compliance Report.
Eine weitere Herausforderung besteht darin, die Systeme, die das Compliance-Programm unterstützen, über unterschiedliche Standorte hinweg einheitlich bereitzustellen. Dazu gehören verschiedene Meldekanäle für Fehlverhalten – etwa per Telefon, online, persönlich oder auf anderem Weg – um den unterschiedlichen Arbeitsbedingungen und Präferenzen der Belegschaft gerecht zu werden. Gleichzeitig kann es schwierig sein, Mitarbeitern einen einfachen Zugang zu Richtlinien zu ermöglichen, aus denen klar hervorgeht, wann Bedenken gemeldet werden sollten.
Die Auswirkungen dieser Herausforderungen zeigen sich in den internen Melderaten der Fertigungsindustrie. Sie geben einen aktuellen Einblick in Risiken innerhalb des Unternehmens und können zugleich als Indikator dafür dienen, wie gut Mitarbeiter Zugang zu Meldewegen haben und wie sehr sie diesen vertrauen. 2025 verzeichneten Unternehmen in der Fertigungsindustrie 1,10 Meldungen pro 100 Mitarbeiter, verglichen mit 1,65 über alle Branchen hinweg. Das zeigt eine aktuelle Analyse interner Meldedaten von NAVEX Kunden.
Die fehlende Transparenz zwischen Führungsebene und operativem Geschäft
Fehlende einheitliche Systeme und Prozesse führen zu einer Transparenzlücke zwischen der Führungsebene und den Mitarbeitern vor Ort. Fühlen sich Mitarbeiter an einem bestimmten Standort nicht sicher dabei, Bedenken anzusprechen, bleiben die damit verbundenen Risiken häufig unentdeckt, bis daraus ein ernstes Problem entsteht. Werden Daten zu gemeldetem Fehlverhalten nur lokal verwaltet und nicht regelmäßig in einem zentralen System erfasst und zugänglich gemacht, erkennen Risiko- und Compliance-Verantwortliche möglicherweise nicht, wo im Unternehmen besondere Risikobereiche entstehen.
Diese Transparenz ist auch mit Blick auf externe Lieferanten wichtig. Personen, die nicht im Unternehmen beschäftigt sind, machen laut Daten des NAVEX Benchmark Reports rund 10% der Meldungen im Median aus. Diese Hinweisgeber können aus ganz unterschiedlichen Bereichen stammen. Einige von ihnen arbeiten möglicherweise innerhalb der Lieferkette und haben sich aus verschiedenen Gründen dazu entschieden, Bedenken außerhalb ihres eigenen Unternehmens zu melden. Gerade weil Unternehmen in der Fertigungsindustrie heute häufig stark von diesen Lieferanten abhängig sind, können solche Meldungen – und die daraus gewonnenen Einblicke – weitere potenziellen Risiken sichtbar machen.
Aktuell erhält etwa die Hälfte der Aufsichtsgremien in der Fertigungsindustrie regelmäßige Updates oder Dashboards zur Compliance-Performance, wie NAVEX Umfragedaten zeigen. 42% der Befragten aus der Fertigungsindustrie gaben an, dass ihr Unternehmen auch Dritten Zugang zu den Meldekanälen seines Speak-up-Programms bietet.
Gute Zugänglichkeit zu Compliance als Wettbewerbsvorteil
Mitarbeiter scheinen durchaus bereit zu sein, Bedenken anzusprechen – und liefern Unternehmen damit wertvolle, aktuelle Einblicke in potenzielle Risiken. Doch sind Unternehmen in der Fertigungsindustrie darauf vorbereitet, diese Meldebereitschaft aktiv zu fördern und die Vorteile einer starken Speak-up-Kultur zu nutzen?
Da die Fertigungsindustrie beim weltweiten Meldevolumen hinter anderen Branchen zurückliegt, bietet eine höhere Meldeaktivität erhebliches Potenzial. Denn Untersuchungen zeigen, dass höhere Melderaten mit besseren Geschäftsergebnissen verbunden sind.
Eine gesunde Meldekultur kann Unternehmen in der Fertigungsindustrie dabei helfen, regulatorische und rechtliche Sanktionen zu vermeiden, da Risiken früher erkannt werden. Einige Vorteile lassen sich jedoch weniger direkt messen. Eine höhere Meldeaktivität deutet auf größeres Vertrauen der Mitarbeiter hin, dass das Unternehmen angemessen handelt, wenn Bedenken geäußert werden. Das kann die Mitarbeiterbindung und das Engagement stärken und sich positiv auf die Reputation auswirken – und damit auch neue Geschäftschancen fördern.
Wie können Unternehmen in der Fertigungsindustrie den Zugang zu Compliance verbessern? NAVEX Daten zeigen, dass Hinweisgeber unterschiedliche Meldekanäle nutzen. Je nach Standort können bestimmte Kanäle besonders wichtig sein, grundsätzlich sollten jedoch alle Meldewege bekannt gemacht und zugänglich sein. Das Gleiche gilt für Richtlinien, die Mitarbeiter beim Melden von Bedenken unterstützen: Sie sollten auf unterschiedlichen Wegen leicht zugänglich sein – beispielsweise über ein Webportal, als physische Dokumente oder durch direkte Abfragen über das interne Meldesystem.

In drei Schritten zu einer stärkeren Unternehmenskultur
Unabhängig von Größe oder Art der Betriebsabläufe können Unternehmen in der Fertigungsindustrie konkrete Maßnahmen ergreifen, um eine stärkere Ethik- und Compliance-Kultur in ihrer Belegschaft zu fördern.
1. Der “Tone from the Top” ist entscheidend: NAVEX Umfragedaten zeigen, wie wichtig die Unterstützung durch die Führungsebene für Compliance ist. In Unternehmen, in denen die Führung größere Compliance-Risiken tolerierte, berichteten die Befragten häufiger von negativen Compliance-Vorfällen.
Gerade in Fertigungsunternehmen mit weit verteilten Standorten ist es wichtig, die Unterstützung der Führungsebene für Compliance im gesamten Unternehmen sichtbar zu machen. Ebenso entscheidend ist, dass direkte Führungskräfte, die täglich mit Mitarbeitern zusammenarbeiten, diese Haltung mittragen und vorleben.
2. Schutz vor Vergeltungsmaßnahmen stärken und zum Melden von Bedenken ermutigen: Rund die Hälfte der befragten Risiko- und Compliance-Verantwortlichen aus der Fertigungsindustrie gab gegenüber NAVEX an, dass die Angst vor negativen Auswirkungen auf die Karriere Mitarbeiter davon abhält, Bedenken anzusprechen. Tatsächliche oder befürchtete Vergeltungsmaßnahmen sind eine der größten Gefahren für eine starke Speak-up-Kultur.
Stellen Sie sicher, dass Mitarbeiter wissen, dass sie Bedenken anonym oder unter Angabe ihres Namens melden können und Vergeltungsmaßnahmen nicht toleriert werden.
3. Meldewege und Richtlinien leicht zugänglich machen: Es ist wichtig, Hinweisgeber dort zu erreichen, wo sie sind. Stellen Sie verschiedene Meldekanäle bereit und machen Sie es Mitarbeitern so einfach wie möglich, Bedenken auf dem Weg zu äußern, der am besten zu ihrer Situation und ihren Präferenzen passt.
Erfassen Sie Meldungen aus allen Quellen, um einen besseren Überblick über Risiken und Trends an verschiedenen Produktionsstandorten und gegebenenfalls auch bei Lieferanten zu erhalten. Gleiches gilt für Richtlinien: Sorgen Sie dafür, dass diese leicht zugänglich sind, und nutzen Sie – soweit möglich – auch Daten zu ihrer Nutzung als weiteren Indikator für die Wirksamkeit Ihres Compliance-Programms.
Compliance direkt in die Hände der Mitarbeiter geben
Moderne Fertigungsunternehmen müssen ihren Mitarbeitern die richtigen Compliance-Tools an die Hand geben – unabhängig davon, wo sie arbeiten.
Erfahren Sie, wie ein ganzheitlicher Risiko- und Compliance-Ansatz Ihrem Unternehmen hilft, die Kontrolle zu verbessern, Risiken zu reduzieren und die Resilienz über alle Standorte, Lieferanten und Regionen hinweg zu stärken.


