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Die EU verabschiedet 2026 eine neue Antikorruptionsrichtlinie

Ende April hat die Europäische Union eine neue Antikorruptionsrichtlinie verabschiedet. Sie verschärft nicht nur die Sanktionen für Unternehmenskorruption, sondern harmonisiert diese auch in allen 27 EU-Mitgliedstaaten.

Für die Korruptionsprävention und Compliance ist die Richtlinie von großer Bedeutung. Compliance-Verantwortliche werden prüfen müssen, wie ihre Ethik- und Compliance-Programme derzeit aufgestellt sind, und gegebenenfalls Anpassungen vornehmen, um den erhöhten Durchsetzungs- und Haftungsrisiken der neuen Richtlinie gerecht zu werden.

Doch was bedeuten Formulierungen wie „erforderliche Anpassungen vornehmen“ eigentlich noch in einer Zeit, die von künstlicher Intelligenz und leistungsfähigen Compliance-Technologien geprägt ist? Was müssen Sie als Compliance-Verantwortlicher selbst tun? Und welche Aufgaben kann – oder sollte – die Technologie übernehmen?

Diese Fragen beschäftigen mich besonders deshalb, weil unmittelbar nach der endgültigen Verabschiedung der Richtlinie durch den Europäischen Rat am 21. April die übliche Welle an Analysen folgte – verbunden mit den bekannten Empfehlungen: Compliance-Teams sollten eine Gap-Analyse durchführen, Richtlinien aktualisieren und interne Kontrollen stärken.

Diese Empfehlungen sind auf einer abstrakten Ebene völlig richtig. In der Praxis müssen Compliance-Verantwortliche jedoch deutlich konkreter denken:

  • Wie kann ich die Anforderungen dieser neuen Richtlinie in mein Compliance-Programm integrieren – unter Berücksichtigung der Technologien, die mir zur Verfügung stehen?
  • Welche Aufgaben kann die Technologie übernehmen und welche Bereiche erfordern weiterhin das Fachwissen und Urteilsvermögen meines Teams?

Genau diese Fragen sollten sich Compliance-Verantwortliche stellen – nicht nur im Zusammenhang mit der EU-Antikorruptionsrichtlinie, sondern bei jeder neuen regulatorischen Anforderung, die auf sie zukommt.

Die Grundlagen für den Umgang mit regulatorischen Veränderungen

Nehmen wir die EU-Antikorruptionsrichtlinie als Beispiel, um zu verdeutlichen, was damit gemeint ist. Zu den wichtigsten Bestandteilen der Richtlinie gehören folgende Punkte:

  • Sie schafft einen einheitlichen Standard für die strafrechtliche Haftung bei Korruption – einschließlich der strafrechtlichen Haftung von Unternehmen – in der gesamten EU
  • Sie legt Mindeststrafen für Unternehmen von mindestens 3% des weltweiten Umsatzes oder 24 Millionen Euro fest (5% beziehungsweise 40 Millionen Euro bei bestimmten schwerwiegenden Verstößen, darunter Korruption im öffentlichen Sektor)
  • Sie unterstreicht die Bedeutung von Hinweisgebern und den Schutz vor Vergeltungsmaßnahmen
  • Sie verpflichtet die Mitgliedstaaten, die Zusammenarbeit eines Unternehmens bei Ermittlungen zu berücksichtigen, und ermöglicht es ihnen, auch ein wirksames Compliance-Programm positiv anzurechnen

Für Unternehmen, die in Europa tätig sind, bedeutet die neue Antikorruptionsrichtlinie daher, dass das Compliance-Programm zeitnah mehrere Maßnahmen ergreifen sollte. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um dieselben grundlegenden Empfehlungen, die wir bereits erwähnt haben:

  • Führen Sie eine Gap-Analyse durch, um zu prüfen, ob Ihre Risiko- und Compliance-Frameworks alle Anforderungen der Antikorruptionsrichtlinie abdecken
  • Aktualisieren Sie Ihre Richtlinien und Prozesse, um sicherzustellen, dass sie den Erwartungen an ein wirksames Compliance-Programm entsprechen
  • Passen Sie Schulungen und Kommunikationsmaßnahmen an, damit Mitarbeiter in Europa – oder solche, die mit europäischen Kunden zusammenarbeiten – die geltenden Anforderungen verstehen. Die Richtlinie verbietet Korruption sowohl gegenüber Amtsträgern als auch gegenüber privaten Unternehmen
  • Überprüfen Sie Ihre internen Kontrollen für die Auswahl, Prüfung und Bezahlung von Drittparteien, um risikobehaftete Geschäftspartner identifizieren und angemessen steuern zu können

Allerdings gelten diese vier Empfehlungen letztlich für nahezu jede neue regulatorische Anforderung. Die eigentliche Herausforderung für Compliance-Verantwortliche besteht darin, zu verstehen, worauf sie ihren Fokus richten sollten, wenn sie ihr Programm „entsprechend anpassen“.

Welche Aufgaben können Sie künstlicher Intelligenz und anderen Technologien überlassen? Und welche Bereiche sollten bewusst in den Händen von Compliance-Verantwortlichen bleiben, damit eine echte Compliance-Kultur entsteht – und nicht lediglich ein Programm, das nur auf dem Papier existiert?

Das Ziel: mehr Automatisierung und eine stärkere Verankerung im Unternehmen

Künstliche Intelligenz, Automatisierung und Datenanalysen können heute erheblich dazu beitragen, neue regulatorische Anforderungen in ein Compliance-Programm zu integrieren. So können Sie beispielsweise Technologien nutzen, um:

  • eine Gap-Analyse durchzuführen und potenzielle Schwachstellen in Ihrem Risiko- und Compliance-Framework zu identifizieren
  • die Anforderungen neuer Vorschriften mit bestehenden Richtlinien abzugleichen, notwendige Aktualisierungen zu identifizieren und sogar Formulierungsvorschläge für neue Richtlinien zu erhalten
  • Due-Diligence-Prüfungen oder Zahlungsdaten zu analysieren, um Muster bei risikobehafteten Drittparteien zu erkennen
  • Richtlinien, Prozesse, Verhaltenskodizes oder Schulungsunterlagen in andere Sprachen zu übersetzen – besonders hilfreich bei grenzüberschreitenden Vorschriften wie der EU-Antikorruptionsrichtlinie

All das ist wertvoll. All das spart Zeit und Ressourcen. Und dennoch kann all das dazu führen, dass ein Compliance-Programm zwar formal existiert, in der Praxis aber wenig Wirkung entfaltet.

KI kann Ihnen dabei helfen, ein belastbares Compliance-Programm aufzubauen. Doch nur menschliches Urteilsvermögen, Engagement und Überzeugungskraft sorgen dafür, dass dieses Programm tatsächlich funktioniert und eine echte Kultur von Ethik und Compliance entsteht.

Genau diese Kultur hilft Unternehmen dabei, Compliance-Verstöße von vornherein zu vermeiden. Und genau das schützt Unternehmen langfristig vor finanziellen Schäden und ermöglicht es ihnen, sich erfolgreich in einem zunehmend komplexen regulatorischen Umfeld zu bewegen.

Bleiben wir beim Beispiel der EU-Antikorruptionsrichtlinie.

Angenommen, Ihre Analysen zeigen zahlreiche Fälle, in denen risikobehaftete Drittparteien Zahlungen erhalten haben, ohne dass eine angemessene Due Diligence durchgeführt oder dokumentiert wurde. In diesem Fall müssen Sie Ihre Prozesse für das Third-Party Risk Management überarbeiten. Diese Aufgabe kann KI nicht übernehmen. Sie erfordert menschliches Urteilsvermögen, um Prozesse zu entwickeln, die sowohl Compliance-Risiken reduzieren als auch den tatsächlichen Arbeitsabläufen im Unternehmen gerecht werden. Nur so werden Mitarbeiter neue Prozesse akzeptieren und im Alltag anwenden.

Die Antikorruptionsrichtlinie macht zudem deutlich, dass Unternehmen Interessenkonflikten künftig noch mehr Aufmerksamkeit schenken müssen. KI kann hier unterstützen – beispielsweise durch die Analyse häufiger Konfliktmuster oder die automatisierte Weiterleitung bestimmter Konfliktmeldungen an die zuständigen Ansprechpartner. Ob ein Interessenkonflikt-Programm erfolgreich ist, hängt jedoch in erster Linie davon ab, ob es gelingt, Vertrauen in den Prozess zu schaffen. Mitarbeiter müssen sich sicher fühlen, potenzielle Interessenkonflikte offenzulegen und notwendige Kontrollmaßnahmen zu akzeptieren.

Noch wichtiger ist jedoch ein weiterer Aspekt: Nur Compliance-Verantwortliche selbst können gegenüber Führungskräften, Mitarbeitern, Teamleitern, Arbeitnehmervertretern und anderen Stakeholdern vermitteln, warum höhere Standards für integres Verhalten notwendig sind. Das eigentliche Ziel besteht darin, die Unternehmenskultur nachhaltig in Richtung eines stärkeren Verständnisses für Ethik und Compliance weiterzuentwickeln. Diese Aufgabe kann keine KI übernehmen.  

Fazit

Die EU-Antikorruptionsrichtlinie ist in Kraft – und sie erfordert die Aufmerksamkeit von Compliance-Verantwortlichen. Gleichzeitig sollten wir präziser darüber sprechen, wie Unternehmen auf diese Richtlinie und auf zukünftige regulatorische Anforderungen reagieren sollten.

KI, Datenanalysen und Automatisierung können einen Großteil der operativen Aufgaben übernehmen, die mit regulatorischen Veränderungen verbunden sind. Weitsichtige Compliance-Verantwortliche werden deshalb überlegen, wie sie ihre Technologien gezielt einsetzen können, um diese Aufgaben zu automatisieren. Dadurch gewinnen sie Zeit für die Themen, die langfristig den größten Unterschied machen: die Weiterentwicklung von Prozessen, die Stärkung der Compliance-Kultur und die nachhaltige Verbesserung der Organisation.

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